Gedächtnispsychologie

Das nachfolgende Excerpt bezieht sich auf einen Fragenkatalog zur Vordiplomsprüfung Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Teilbereich Allgemeine Psychologie I
Grundlage ist ein allgemein zugänglicher Fragenkatalog, Antwortengrundlage ist M.G.Wessels, Allgemeine Psychologie (1984)
Die Texte sind komprimiert und sollen ein Gedankengerüst zur Entwicklung eigener Antwortausarbeitungen sein.
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Kognitionspsychologie ist die Wissenschaft von der menschlichen Informationsverarbeitung
Unterscheidung zu anderen Ansätzen durch folgende Merkmale
1. Menschliche Kognitionen sind eine Form der Informationsaufnahme und -verarbeitung
2. Kognitive Prozesse sind introspektiv schwer zugänglich und (aufgrund des kognitiv-positiv ausgerichteten  Filters) kaum valide
    - daher sind verbale Selbstberichte problematisch
3.Theorien und Untersuchungen sollten daher extern und ökologisch valide sein
    - extern valide: auf Situationen außerhalb der Versuchssituation übertragbar
    - ökologisch valide: Einbezug sozialer Aspekte
4. Neurophysiologische Erklärungen können viele kognitive Prozesse aufgrund ihrer Komplexität nicht beschreiben


EBBINGHAUS (1850-1909)
- Konzept der reproduktiven Erinnerns
- mechanisches Wiederholen ist zentrales Lernkriterium
- nicht-introspektive experimentelle Analyse der Kognition
- Wissen als Summe durch Erfahrung erworbener Assoziationen
    - gleiche Sichtweise wie britische Assoziationisten
- Fragestellung: wie bilden sich neue Assoziationen, wenn keine Erfahrungen vorliegen?
    - in diesem Paradigma "stören" Erfahrungen, daher müssen diese ausgeschaltet werden
    - Konstruktion von Listen sinnloser Silben (K-V-K-Trigramme, beisp. KOM)
     - bei solchen sinnlosen Silben können keine Erfahrungen/Assoziationen wirken
    - Untersuchungsziel: benötigte Zeit für das Erlernen solcher Listen

Befunde

1. Wiederholungsanzahl steigt mit Anstieg der Silben
    - bei 7 Items nur 1 Wiederholung nötig (Aufmerksamkeitsspanne)
    - Methode des seriellen Lernens
    - Ergebnis: Lernzeit und Zahl der benötigten Wiederholungen
2. Kontiguität : Relevanz des zeitlichen (und räumlichen) Zusammenhangs paarweise auftretender Items
    - Häufigkeitstheorie des Gedächtnisses
    - linearer Zusammenhang zwischen Wiederholungshäufigkeit und Lernerfolg
        - Aufsagen langer Listen und nachfolgend Fehlerüberprüfung
    - Ersparniswert: Reduzierte Zeit für Wiedererlernen
    -     errechnet als 100 x ((ursprüngliche Lernzeit - Wiedererlernzeit)/urspr.Lernzeit = Wert in %
3. Wie lange bleibt Gelerntes in der Erinnerung?
    - starkes Abfallen der Behaltensleistung innerhalb der ersten 3 Stunden (Retentionsintervall)
    - immer noch stark, aber abnehmend bis 2 Tage
    - Retentionsfunktion der Vergessenskurve ist negativ beschleunigt
    - Methode: erlernte Listen nach 19 Min bis 31 Tagen abgefragt und Ersparniswert errechnet

Kritik : rapides Absinken am Anfang bedingt durch proaktive Hemmung.
            unzulässige Reduktion durch  Betonung des rein mechanischen Lernens
            Vernachlässigung der Suche nach Sinn und vorh. Wissens
            Gestaltpsychologen kritisieren: das Ganze ist größer als die Summe seiner Teile

Assoziationsgesetze
                                               Ähnlichkeit und Kontrast               Orange/Zitrone  Licht/Schatten
                                               Kausalität                                          Wunde>>>Schmerz
                                               Kontiguität                                        räumliche und zeitliche Nachbarschaft



BARTLETT (1932)
- rein mechanisches Lernen ist die schwierigste Art zu lernen
- kognitive Wende: neuer Ansatz menschlicher Informationsverarbeitung  (erst in den 70er Jahren verstärkt)
- Konzept der rekonstruktiven Erinnerns
- Bedeutung hat einen wesentlichen Einfluß auf Lernergebnisse
- Menschen rekonstruieren beim Erinnern (wie ein Detektiv)
- individueller Rekonstruktion auf kognitiv-subjektiver Basis
- aktiver Charakter solcher kognitiven Prozesse mit Vorstellungen und Erwartungen
- In-Beziehung-Setzen mit bereits Gelerntem ist wesentlich
- rekonstruktives Erinnern schließt Erinnerungslücken durch Erkennen inhaltlicher Zusammenhänge
- hierbei kommt es zu Verfälschungen
 
Auslassungen unwichtige/verwirrende Details
Rationalisierung Einfügen neuer Info als Erklärung
Dominante Einzelheiten Orientierung für die Rekonstruktion 
Transformation von Einzelheiten Abänderung auf bekannte Terminologie
(Kanu >>Boot , Autotyp auf Hersteller)
Transformation der Reihenfolge Stimmigmachen der Geschichte
Bedeutung der Einstellungen Erklärung der eigenen Einstellung und dann Dramatisierung der Handlungsablaufes in entsprechende Richtung

- Konstrukt des kognitiven Schemas
    - hierarchisch geordnete, organisierte Wissensstruktur
    - Annahme: Gedächtnisinhalte sind nach semantischen Kriterien geordnet

- Gedächtnisspur
    - Stärkung durch Wiederholung
    - Reaktivierung beim Infoabruf
    - verblassen, zerfallen, werden verdrängt



Technische Systeme und kognitive Psychologie
- Entwicklung neuer Systeme (begrenzte Kapazität v. Telefonkanälen)
- Entwicklung neuer psycholog. Theorien aus der Kommunikations- und Informationsverarbeitungstechnologie
    - Kapazität
    - Kanäle
    - Systemkonfigurationen
    - Enkodierung
Vergleichbarkeit des Denkens/Gedächtnis mit Informationsverarbeitungssystemen


NOAM CHOMSKY (50er Jahre)
- gegen die generelle Gültigkeit der Assoziationstheorie
1. Kreativität der menschlichen Sprache
    - unendlich große Vielfalt von Ausdrücken
2. Komplexe linguistische Strukturen sind hierarchisch strukturiert (grammatikalische Einheitenkombination)
3. Kinder suchen bei Spracherwerb nach Regelmäßigkeiten und Konzepten
    Es gibt transkulturelle Universalien, die nicht durch Lernen entstehen


SPERLING (1960)  - Speicherdauer des ikonischen Speichers

- ikonisches Gedächtnis im visuellen sensorischen Gedächtnis
 
Experiment: Präsentation einer Buchstabenmatrix mit 9-12 Items für 50 ms
 
M
T
F
K
Q
V
D
L
N

Methode  der Gesamtwiedergabe: 
Vpn sollen möglichst viele Buchstaben wiedergeben

Ergebnis:   können nur 4-5 Buchstaben wiedergeben
- Folge begrenzter Kapazität des unmittelbaren Gedächtnisses 
Methode der Teilwiedergabe: 
Wiedergabe einer einzelnen Reihe
Hinweiston bezeichnet die wiederzugebende Reihe (oben/Mitte/unten)
unregelmäßige Variation, keine Antizipation der Reihen möglich
Ergebnis:  konnten die Buchstaben jeder Reihe wiedergeben
 alle Reihen sind im Gedächtnis verfügbar, 
wiedergegeben können aber nur 4-5 pro Versuch

Variation des Versuchs:                        Verzögerung zwischen Stimulus und Wiedergabe-Signal (ISI=Interstimulusintervall)
Ergebnis:                                                  je später das Signal, umso weniger korrekte Buchstabenennung

Folgerung:                                               Information über die gesamte Anordnung (mentaler Schnappschuß) bleibt nur für 250-500 ms
                                                                   erhalten und zerfällt dann, bevor korrekte Wiedergabe vollständig möglich ist



AVERBACH und CORIELL (1961)
Experiment:                                             Präsentation von 16 Buchstaben für 50 ms
                                                                 Verzögerte Einblendung eines Zeigers an bestimmter Stelle des Schirms (0-250 ms)
                                                                 Dieser Buchstabe mußte benannt werden
Präsentation                                                                                                                    Eingeblendeter Zeiger bestimmt Buchstaben
C N T Y E O S L
A G E M B Q Z W
                                                                Zeiger

Ergebnis:                                                ohne zeitliche Verzögerung:  65-80% Trefferquote
                                                                 graduelle Abnahme der richtigen Wiedergabe mit zunehmender Zeitverzögerung
                                                                nach 250 ms keine Wiedergabe mehr möglich

Folgerung: maximale Speicherdauer des ikonischen Gedächtnisses  250 ms


SPERLING (1960) und MERIKLE (1980)

- selektives Berichten von Buchstaben oder Zahlen
- Sperlings Versuch:                            Präsentation von Zahlen und Buchstaben
        Gesamtwiedergabe                      soviele wie möglich benennen
        Teilwiedergabe                             nur die Kategorie benennen (Zahl/Buchstabe), die mittels Signalton abgefordert wurde (Buchst.oder Zahl)

Hypothese:                                           Leistungsvorsprung bei Teilwiedergabe, wenn Kategorisierung im ikonischen Gedächtnis stattfindet

Ergebnis:                                               Wiedergabequote unter beiden Versuchsbedingungen gleich

Folgerung:                                             keine Kategorisierung im ikonischen Gedächtnis



- Merikle                                                es sind doch kategoriale Infos vorhanden
Experiment:                                            4 Buchstaben und 4 Zahlen innerhalb eines Kreises, Präsentation 50 ms
                                                                Benennung von Kategorien nach Verzögerung v. 0-900 ms
                                                                  Hinweisinfo  - "Eins" : Nenne die Zahlen   "Zwei":  Nenne die Buchstaben  "Drei": Nenne alle
Ergebnis:                                               höherer Prozentsatz wiedergegebener Items bei Teilwiedergabe (also nur Zahl oder nur Buchstaben)
                                                               Abnahme der Wiedergabeleistung im Zeitverlauf,
                                                               nach 900 ms kein Unterschied mehr feststellbar
Folgerung:                                            für die Unterscheidung zwischen Zahlen und Buchstaben notwendige Info, also kategoriale,
                                                               ist vorhanden, wenn Abruf unmittelbar nach Stimuluspräsentation erfolgt


Erklärung der unterschiedlichen Ergebnisse

Sperling:                                                keine Ungewißheit hinsichtlich Gesamtwiedergabe
                                                                bei Teilwiedergabe bestand dann Ungewißheit hinsichtlich des Hinweisreizes
Merikle:                                                 erst bei Präsentation des Stimulus konnten Vpn die Wiedergabeaufgabe zuordnen
                                                                in allen 3 Bedingungen Ungewißheit bzgl. der Wiedergabe


VARIABLEN für TEILWIEDERGABE/TEILBERICHT
- in SPERLING´S Paradigma
- Helligkeit, Position, Farbe, Größe, Umfang sind präkategoriale (rohe, unverarbeitete) Info
- Buchstaben/Zahlen sind Kategorien
- nur Teilberichtsvorteil bei präkategorialen Variablen (Kategorisierung erfordert Zeitaufwand)



KEHRER (1985)
Hypothese:                                         Buchstaben und Zahlen aufgrund komplexer physischer Merkmale erkennbar
                                                              sensorischer Speicher daher auf Receptorebene
                >>> durch Experimente mit Maskierung wiederlegt
 Er interpretiert Merikles Ergebnisse dahin, daß Unterscheidung präkategorial stattfindet, und nicht aufgrund semantischer Merkmale (eben der
 Kategorien).


ECHOSPEICHERUNG
- das auditiv-sensorische Gedächtnis hält eingehende Info lange genug für eine Mustererkennung verfügbar

Darwin, Turvey & Crowder (1972)
 
Experiment 3 Listen mit Buchstaben und Zahlen werden schnell über Stereo-Kopfhörer vorgelesen
1 Liste links,. 1 Liste rechts, 1 Liste beide Ohren
Gesamtwiedergabe benenne so viele Items wie möglich
Teilwiedergabe Items der jeweils bezeichneten Listen 1 bis 3 sollen genannt  werden
Signalreiz durch Licht
zeitliche Verzögerung 0,1,2,3,4 Sekunden
Ergebnisse Vorsprung bei Teilwiedergabe bis zu 2 Sekunden
ab 4 Sek, kein Vorsprung mehr
Folgerung auditive Info überdauert nur 2 Sekunden (Echospeicherung)

Echoischer Speicher für Sprachwahrnehmung
Sprachliche Reize werden zeitlich begrenzt dargeboten (hingegen können visuelle Reize länger präsent sein)
Überbrückungsfunktion, um am Ende des Wortes den Anfang noch zu wissen

Sind nur präkategoriale Infos enthalten?

bei gleichem experimentellem Aufbau ergibt sich bessere Teilwiedergabe vs. Gesamtwiedergabe bei Kategorisierung
Folgerung: auch kategoriale Info enthalten



BROWN & PETERSON Paradigma (1958)
 
Experiment Präsentation von 3 Konsonanten oder 3 sinnlosen Silben
mit Gedächtnistrommel
Nennung einer Zahl, von welcher aus rückwärts gezählt werden mußte
(Ablenkungsaufgabe um Memorieren zu verhindern)
Hinweisreiz beendet Zählen und fordert zur Wiedergabe der Buchstaben auf
Variation des Retentionsintervalles (Zählzeit)
Vielzahl an Versuchsdurchgängen (Anlaß zu Kritik, siehe "proaktive Hemmung"!)
Ergebnis Behaltensniveau nimmt graduell mit der Zeit ab
Retentionsintervall  3 Sek. >>> 50% richtige Items
Retentionsintervall 18 Sek. >>>weniger als 10% richtige Items genannt
Folgerung Speicherzeitgedächtnis beträgt 15-18 Sek.



MILLER (1956)

- Kapazität beträgt 7 +/- 2 Einheiten (magic number 7 + or - 2)
- Erinnerungsleistung steigt, wenn gruppiert/organisiert werden kann
- Rekodierungseffekt, genannt CHUNKING (Klumpenbildung)
- nicht die Kapazität des KZS steigt, sondern die Anzahl behaltener Items (Kategorien, Buchstaben oder Klumpen in Gruppen)
- Optimierung der KZS-Leistung  z.B: 58 12 15 19 2  oder 581 215 192
- es gibt  keine genaue Definition von Chunks



CHUNKING (Klumpenbildung)
- mehrere einzelne Items werden in einer Kombination gespeichert/gelernt.
- die setzt Kapazitäten frei (statt z.B. 3 Zahlen nur noch 1)
- reduktive Kodierung, da die Menge individueller Items auf eine geringere Klumpenanzahl reduziert wird.

Elaboration:    Verknüpfung von Gedächtnisinhalten



Theorien des Vergessens:
 
Theorie des zeitlichen Zerfalls Vergessen ist ein passiver Prozess
Information schwächt sich spontan ab und zerfällt (Spurenzerfallstheorie)
Interferenztheorie Übereinanderlagerung von Ereignissen
proaktive Hemmung Abruf gelernter Info wird gestört durch Info, die VOR dem Lernereignis eintrat
(neue Rufnummer nicht gelernt, alte Rufnummer präsent)
retroaktive Hemmung Abruf gelernter Info wird durch NACHFOLGENDE  Info gestört
(Rufnummer wählen, während andere Rufnummer vorgesagt wird)


KEPPEL & UNDERWOOD (1962)

- experimenteller Nachweis proaktiver Hemmung
 
Experiment: Brown-Peterson Paradigma
Variation:
3 Gruppen mit Retentionsintervallen 3,9 und 18 Sek.
ANSCHLIESSEND (!siehe oben)  nur noch 2 Folgeversuche
(bei BP war das eine unbestimme Anzahl an Folgeversuchen, das Gesamtergebnis wurde gemessen!)
Ergebnis beim 1.Versuch kein Vergessen, auch nicht nach 18 Sek.
beim 2. und 3.Versuch stärkeres Vergessen
Folgerung Vergessen war nicht durch das Verstreichen der Zeit, sondern durch proaktive Hemmung beeinflusst
dies verfälscht das Ergebnis von Brown und  Peterson & Peterson



PROAKTIVE HEMMUNG
- Ausmaß proaktiver Hemmung ist abhängig vom Grad der Ähnlichkeit der Items
- bereits gelernte Items konkurrieren mit denen, an welche man sich erinnern will
- verstärkt bei großer Ähnlichkeit (beidesmal Zahlen)
- Differenzierung wird durch die Ähnlichkeit erschwert oder verunmöglicht

Diskriminationshypothese
- niedrige proaktive Hemmung bei hoher Unterscheidbarkeit der Items



Aufhebung proaktiver Hemmung durch Abrufreize, die zusammengehörige Items klassifizieren, also unterscheidbar machen

GARDINER,CRAIK & BIRTHWHISTLE (1972)
Aufhebung proaktiver Hemmung durch Abrufreiz
 
Experiment Zierblumen waren zu erinnern
3 Durchgänge
im 4.Durchgang wurden Wildblumen genannt, aber Vpn in Kontrollgruppe wurden nicht über Kategoriewechsel informiert
in der Experimentalgruppe wurde der Wechsel benannt
Ergebnis zunächst abnehmende Erinnerungsleistung in beiden Gruppen
in der Experimentalgruppe wurde durch den Hinweis auf Kategorienwechsel die proaktive Hemmung aufgehoben, und das Erinnerungsniveau stieg deutlich an
Folgerung Proaktive Hemmung resultiert (teilweise) aus Problemen beim Abrufen von Infos



WAUGH & NORMAN (1965)
- retroaktive Hemmung
 
Experiment Sondierverfahren
Vorlesen einer Liste mit 16 Zahlen
eine der in der Liste enthaltenen Ziffern gilt als Sondierziffer und wird zusammen mit einem Signal genannt
zu Benennen ist die auf die Sondierziffer (erstmals) folgende Zahl
Variation der Sondierzifferposition
z.B. vorgelesene Ziffernfolge      7 3 5 8 2 4 6 7 8 1 2 8 9 5 6 4
Prüf/Sondierziffer         2
Antwort:  4
Ergebnis je früher die Sondierziffer am Listenanfang stand, umso eher wurde die gesuchte Ziffer vergessen
Folgerung Anzahl folgender Ziffern determiniert das Ausmaß an Interferenz und Vergessen , also retroaktive Hemmung
Denkbar wäre aber auch zeitlicher Verfall statt Interferenz der Grund für das Vergessen der Ziffern ist


SHIFFRIN & COOK
- Spurenzerfallstheorie: Vergessen ist ein passiver Prozess, in dessen zeitlichem Verlauf sich die Info spontan abschwächt oder zerfällt

- Nachweis, wenn retroaktive Hemmung und Memorieren nicht möglich (ausgeschaltet)
 
Experiment Memorieren ausgeschaltet: 
Vpn  wird erzählt, es gehe um "Vergessensleistung"
Präsentation eines Hintergrundgeräusches
Vpn soll Töne entdecken (weiteres Ausschalten von Memorieren: Ablenken)
Suchaufgabe 40 Sek
Präsentation von 5 Konsonanten für 2,5 Sek
diese sollen laut genannt und dann "vergessen" werden
Weitergehen in Ton-Entdeckungs-Aufgabe
Ergebnisse kurze zeitliche Verzögerung der Buchstabenpräsentation (12,5 Sek)
es wurden 20% vergessen
lange zeitliche Verzögerung der Buchstabenpräsentation (32,5 Sek)
es wurden 30% vergessen

Vergessen soll daher auf zeitlichem Verfall beruhen, weil retroaktive Hemmung ausgeschaltet wurde.


Speicherdauer ohne Wirkung pro-. oder retroaktiver Hemmung
- bei Brown-Peterson waren schon nach 18 Sek. 90% vergessen
- Shiffrin &Cook schalten pro- und retroaktive Hemmung aus, und weisen Spurenzerfall für das Vergessen nach, welcher bei einem
  Retentionsintervall von 32,5 Sek. nur 30% ausmacht
- die im BP-Paradigma postulierte KZS-Spanne von 15-18 Sek wird also weit überschritten
- aufgrund der Interferenzeffekt-Problematik, die man wohl nie ganz ausschließen kann,
   sollten beide Faktoren (Interferenz und Spurenzerfall)  berücksichtigt werden



STERNBERG (1966)

- Ist der Abruf aus dem KZS ein serieller erschöpfender Suchprozess?
 
Experiment Gedächtnissuchaufgabe
Reihen von Ziffern (Gedächtnisreihen) werden für 1-2 Sek präsentiert
Gedächtnisreihe variiert von 1-6 Items
2 Sek. nach der Reihe wird eine Testziffer gezeigt und Vpn soll per Knopfdruck angeben, ob diese in der Reihe enthalten war, oder nicht
Ergebnisse mit der Anzahl der Ziffern steigt die Reaktionszeit
Folgerung mit steigender Ziffernzahl müssen mehr Items verglichen werden
Vergleich erfolgt serial, da bei parallelem Vergleich kein Reaktionszeitanstieg stattfände
Durchmusterung ist exhaustiv (erschöpfend) und nicht abbruchfähig/selbstbeendend
sonst wäre Reaktionszeit bei "Nein" immer höher, da man erst am Ende der Reihe definitiv mit "Nein" antworten könnte (und das dauert zwangsläufig immer länger)



Was spricht gegen die Annahme serieller und exhaustiver Suche?
 
 
Übungseffekte Zielsuche wird mit zunehmender Übung automatisiert und läuft parallel
nur bei ungeübten Vpn serieller Verlauf
Seriale Positionseffekte erste und letzte Position des Items in der Reihe werden besser erinnert als mittlere Positionen
Wiederholungseffekte bei mehrmaligem Vorkommen des Items in der Reihe ist die Reaktionszeit kürzer, als wenn das Testitem nur einmal vorkommt.


ATKINSON & JUOLA (1973)
 Modell der Bekanntheitssuche
- Items, die vertraut sind, werden schneller erkannt, als weniger bekannte Items
    - paralleler Prozess der Bekanntheitssuche

- bei mittlerem Bekanntheitsgrad wird jedes Item serial und erschöpfend mit jedem Item im Gedächtnis verglichen, was langsamer vor sich geht
    - serieller Durchmusterungsprozess

Kriterium für den Einsatz des Suchprozesses ist der Bekanntheitsgrad des/der Items

Dies erklärt den Wiederholungseffekt, betont die Flexibilität menschlicher Infoverarbeitung.



ATKINSON & SHIFFRIN (1968)

Verarbeitungssystem ist eine Gruppe von 3 Gedächtnisstrukturen
 

sensorischer Speicher Speicherdauer 250-500 ms
Kapazität 4-5 Items
Spurenzerfall
Kurzzeitspeicher (KZS) Speicherdauer 15-18 Sek
Kapazität 7 +/- 2 Chunks
zeitlicher Verfall
Interferenzzerfall
Langzeitspeicher (LZS) Speicherdauer: lange Zeit
Kapazität: unbegrenzt
Abrufproblematik gespeicherter Information

Kontrollprozesse steuern den Abruf  und transferieren Informationseinheiten.
Flexibles Verarbeitungssystem

2 wichtigste Kontrollprozesse
 

Wiederholung bewahrt Items im KZS und transformiert Items vom KZS in den LZS
Kodieren Transformation im KZS zur leichteren Speicherung im LZS


 

Unterscheiden sich KZS und LZS durch die Art der Codierung?

CONRAD (1964) Kodierung im KZS
Experiment Hintergrundrauschen
akustische Präsentation von 6 Buchstaben alle 3/4 Sek
Vpn sollten die gehörten Buchstaben aufschreiben
Ergebnis Verwechslung zwischen ähnlich klingenden Buchstaben
keine Verwechslung bei ähnlich aussehenden Buchstaben
Folgerung verbale Enkodierung
KZS behält seine Infos in verbaler Form: phonemische Codes

SACHS (1967)    Kodierung im LZS
Experiment Vorlesen von Geschichten
Unterbrechung ohne Vorankündigung
nach Retentionsintervall 0 und 160 Silben folgte Testsatz
- Testsatz identisch, oder semantisch oder syntaktisch verändert
Vpn sollten bestimmen, ob der Satz aus dem Text stammte
Ergebnis korrekte Antwort, wenn Testsatz unmittelbar nach dem entsprechenden Satz
Erinnerten aber nur kurze Zeit die genaue Wortfolge
nach 160 Silben erkannten Vpn nur den semantisch veränderten Satz als falsch
Es wurde also die Bedeutung des Satzes, aber nicht seine exakte Syntax erinnert
Folgerung Im LZS sind semantische Infos enthalten: semantische Kodierung

Die beiden vorstehenden Experimente lassen eine unterschiedliche Codierung annehmen.

Hingegen sprechen gegen eine unterschiedliche Codierung:

- im KZS sind phonemische UND semantische Infos verfügbar: mehrere Codierungsmöglichkeiten
- im LZS sind auch Klangmerkmale nachweisbar (z.B. Stimmen, Töne)
- Replikationen/Gegenversuche zu Sachs zeigen auch nach längeren Retentionsintervallen Erinnern von Satzstrukturen



GLANZER & CUNITZ (1966)
Serieller Positionseffekt bei freier Reproduktion beschreibt, daß die Retention eines Items von der Position abhängt, in welcher es präsentiert wurde.
Das höchste Niveau ergibt sich am Anfang und am Ende einer Wörterliste

2 Komponenten dieses Effektes
 
Primacy Effect ( Primateffekt) Output des LZS hohe Retentionsgradausprägung bei den ersten paar Items
Recency Effect (Rezenzeffekt) Output des KZS hohe Retentionsgradausprägung bei den letzten paar Items


Experiment Liste von 15 Wörtern
Retentionsintervall 0,15,30 Sek
Vpn führen Zählaufgabe zur Unterdrückung des Memorierens durch
Ergebnis Höhe des Rezenzeffektes hängt von der Dauer des Retentionsintervalls ab
kein Rezenzeffekt nach 30 Sek (Speicherdauer des KZS nur 15 Sek)
keine Beeinflussung des Primateffektes durch Retentionsintervallvariation
Folgerung letzte paar Items sind im KZS enthalten, 
werden deshalb schnell vergessen
erste paar Items werden im LZS bewahrt und nicht vergessen
Durch die häufige Repetition der Liste werden die esten Items öfter wiederholt und damit an das LZG weitergegeben
die letzten Items werden zuerst wiedergegeben(bevor sie wieder vergessen sind)
Schlechte Behaltensleistung für den mittleren Bereich



 

Kritikpunkte gegen ein Multi-Speicher-Modell

                                                           Postulat des Multi-Speicher-Modells                                                        Belege/Kritik
Kodierung der Information KZS enthält nur phonemische und der 
LZS enthält nur semantische Infos
es werden auch visuelle Kodierungen nachgewiesen
auch im KZS können semantische Infos enthalten sein
im LZS können nicht nur semantische Codes enthalten sein, da ohne phonemische Codes kein Sprachverständnis möglich wäre
Individuen sind flexible Codierer
Langfristige Rezenzeffekte Rezenzeffekte sollen nach 15 Sek. nicht mehr auftreten Rezenzeffekte wurden auch über längere Zeit beobachtet
Kapazitätsbegrenzung  Speicherungsvermögen bei 7+/- 2 Chunks keine genaue Definition von "chunk"
Kognitive Grenzen werden durch Verarbeitungsfähigkeit gesetzt, und nicht durch Speicherungsfähigkeit
Transfermechanismus
vom KZG ins LZG
durch Wiederholung auch häufige Wh führt nicht immer zu langfristiger Retention
a.erhaltende Wh : unmittelbares Erinnern ohne langfristige Retention
b: elaborative Wh: Verknüpfung wiederholter Items
Verbesserung langfristiger Retention



CRAIK & LOCKHART (1972)

- Modell der Verarbeitungsebenen (1-Speicher-Modell)
- Postulierung nur eines Gedächtnissystemes mit unterschiedlichen Stufen/Ebenen, die unterschiedlich stabile Codes produzieren
- Verarbeitungstiefe bedeutet ein höheres Ausmaß an konzeptueller und semantischer Analyse (funktionelle Erklärung)
                Verarbeitungsebenen
                - semantische (am Tiefsten)
                - Etikettierung (mittel)
                - Analyse physikalischer Merkmale (flachste Ebene)

Lernen durch Durchlaufen möglichst vieler Verarbeitungsebenen, dies erfordert Zeit.
>> semantische Info wird besser behalten, als phonemische

Begrenzungen des Fassungsvermögens aufgrund begrenzter Verarbeitungskapazität (und nicht begrenzter Speicherkapazitäten)


CRAIG & TULVIG (1975)
Experiment Methode des beiläufigen Lernens (inzidentielles Lernen)
- VPN erhalten andere Aufgabe, als die eigentlich wichtige
- Aufgabenlösung ohne Lernabsicht
Präsentation einer Frage und 200 ms ein Wort
Frage über das Wort sollte schnell beantwortet werden
Fragenstellung führte zu best. Enkodierung (physikalisch,phonemisch,semantisch)
(=unterschiedliche Verarbeitungstiefe)
Nach Orientierungsaufgabe nicht angekündigter Behaltenstest (Retentionstest)
- originale, falsche Wörter, Distraktoren
Vpn sollten angeben, welche dieser Wörter nun vorher präsentiert worden waren
Ergebnis Kodierungsebene bestimmte das Retentionsniveau
beste Retention bei semantischer Codierung, 
mittel bei phonemisch, schlecht bei physikalisch

Kritik am Verarbeitungsebenenansatz

   Annahme des Modells                                                 wird kritisiert, weil
Stufen und Abfolgeprozesse -phonemische Codierung erfolgt vor semnatischer semantische Codierung erfolgt auch ohne Umweg über phonemische Codierung
Stroop-Effekt:  Das Wort einer Farbe (ROT) in einer anderen Farbe geschrieben erzeugt einen Konflikt beim Lesen, dabei wird die semantische Bedeutung schneller als die phonemische verarbeitet
(Farbe kann erst im Aufmerksamkeitsprozess verarbeitet werden)
Phonetisch und strukturell dargebotene Info wird nicht semantisch verarbeitet semantische Verarbeitung ist sogar vorrangig (Lesen)
Tiefere Verarbeitung führt zu besserem Behalten Phonemische Codierung (Reime) kann sogar zu besserem Behalten führen
Wiedererkennungstest inadäquat
Trennung der Wiederholungsformen keine empirische Definition der Verarbeitungsebenen vorhanden
Unklar, wann welche Wh-Form eingesetzt wurde



Elaboration
- Craig & Tulvig (1975)
- revidiertes Verarbeitungsebenen-Modell
- Retention hängt  von der Elaboriertheit und Reichhaltigkeit der Encodierung ab (nicht von der Tiefe)

Elaboriertheit des Encodierens:

            - Ausmaß der Verbundenheit und Organisation der Items untereinander (Geschichte von verbundenen Vokabeln)
            - Ausmaß der Kombination semantischer Attribute: Frau, unverheiratet >>Jungfrau

Die Verarbeitungsebene ist dabei nicht relevant.
Elaborierte Verarbeitung erleichtert Retention unabhängig von physikalischer, phonemischer oder semantischer Analyse.
Je größer der semantische Kontext, desto elaborierter die Encodierung.

CRAIG & TULVIG (1975)
 
Experiment Passen kurzfristig präsentierte Worte (Uhr) in verschiedene Sätze:
* er ließ die....fallen
* der alte Mann humpelte durchs Zimmer und hob die wertvolle...auf
Komplexerer Satz erfordert eine reichhaltigere, elaboriertere Encodierung, da der semantische Kontext größer ist
Ergebnis Retentionsniveau stieg mit der Höhe der Elaboriertheit der verarbeiteten Wörter an
Folgerung Retention hängt von der Elaboriertheit der Verarbeitung ab, und weniger von der Verarbeitungsebene


KEPPEL & UNDERWOOD (1962)  Erweiterung des Versuchs von Brown&Peterson
GARDINER,CRAIK & BIRTHWHISTLE (1972) Gartenblumen und Wildblumenexperiment
TULVING & PSOTKA (1971)
Retentionsleistung konnte verbessert werden, wenn retroaktive Hemmung durch vorgegebene Abrufreize ausgeschaltet werden konnte
Vergessen beruht nicht auf Spurenzerfall sondern auf  Fehlen eines effektiven Abrufreizes bzw. retroaktiver Hemmung



TULVING: Kodierungsspezifitätstheorie
- Hinweisreiz begünstigt Infoabruf, wenn darin Informationen enthalten sind, die zusammen mit der Zielinformation encodiert wurden
- starke Effekte nur, wenn Encodierungs- und Abrufreiz zusammenpassen
  - Wachrufen einer Erinnerung an den Urlaub durch eine Ansichtskarte oder Fotos

Effekt der Kontextspezifität

Gleiche Lern- und Prüfungsumgebung begünstigt positiven Infoabruf, bei Nichtkongruenz kann es zu fehlerhaftem Infoabruf kommen
- auch ein vorgestellter Kontext begünstigt den Infoabruf
- Urlaubsfotos
- Phänomen des zustandsabhängigen Abrufens/Lernens
- im Zustand der Intoxikation encodierte Info wird  besser wiedergegeben, wenn die Person sich bei Wiedergabe im gleichen Zustand befindet
- emotionaler internaler Kontext - hohes Wiedergabeniveau bei Abruf in derselben emotionalen Stimmung



THOMSON & TULVING (1970)

- Kodierung wird vom Kontext beeinflußt
- auch beiläufige und intentional verarbeitete Kontextinfos können effektive Abrufreize darstellen
 
Experiment  Erlernen von Listen mit Zielwörtern
Zielwort wurde mit assoziiertem Kontextwort oder Reizwort präsentiert
1. Wiedergabeverfahren: Reizwort >>> Zielwort
2.Wiedergabeverfahren: abweichende Hinweisreize
Ergebnis Assoziate und Zielwörter brachten nur bessere Wiedergabe, wenn gleichzeitige Encodierung und Abruf erfolgte
Stärke des Abrufreizes alleine hatte nur niedrigen Effekt
Starke Effekte nur bei Passung von Encodierungs- und Abrufreiz
SMITH (1979)
Experiment  2 Gruppen lernten im selben Raum Listen von Substantiven
Dann gingen Vpn in 2.Raum, den sie zeichnen sollten
Dann Aufenthalt im Warteraum
Dann Abfragen der Substantive der einen Gruppe in dem Raum, in welchem diese gelernt hatten
Abfragen der 2.Gruppe in dem anderen Raum
Ergebnis Die Gruppe mit konvergentem Kontext konnte 25% mehr Wörter reproduzieren



SMITH (1979) Selbstgenerierter Kontext

Ein vorgestellter Kontext begünstigt den Infoabruf ebenso, wie ein realer.
Generieren eines mentalen Kontextes fungiert beim Reproduzieren als mentaler Abrufreiz
Phänomen des Vergessens ist eher ein Aktivierungsproblem (auf der Zunge liegen)
Speichern von Hinweisreizen beim Lernen erleichtert Infoabruf



ANDERSON & BOWER
Seltene Wörter werden besser wiedererkannt, gebräuchliche Wörter werden besser wiedergegeben

Organisation der Information hat nur positive Wiedergabeeffekte, jedoch keine Wiedererkennungseffekte

Nach dem Modell von Anderson & Bower liegen der Wiedergabe (dem Generieren) von Wörtern 2 Prozesse zugrunde,
dem Wiedererkennen aber nur 1 Prozess.
Bei der Wiedergabe werden Generierungseffekte (systematisches Suchen im Gedächtnis, Abruf potentieller Zielwörter)
UND Prozesse des Wiedererkennens (Evaluation von Kontextinfo, die zusammen mit dem Zielwort abgerufen wurde) aktiv.
Dieser Prozess dauert bis zur Reproduktion der betreffenden Information.
Wiedererkennen ist jedoch nur als 1 Prozess zu verstehen.
Demzufolge sollten Vpn Wörter, die sie nicht erkannt haben, auch nicht reproduzieren können.
Es wurden aber trotzdem anfänglich nicht erkannte Wörter anschließend richtig wiedergegeben: Wiedererkennungsfehler



Unterschiede zum ANDERSON & BOWER -Modell

- Erklärung für den Wiedererkennungsfehler
- es werden neben der Encodierung des Items auch Kontextmerkmale encodiert.
Wörter werden daher nicht als einzelne Items, sondern zusammen mit semantischen, phonemischen und anderen Attributen encodiert.
Beispiel: "JAM" wird als Nahrungsmittel encodiert, und ist in anderem Kontext (traffic jam) nicht abrufbar, da es dort keine nahrungsspezifischen Merkmale auslöst.
Entscheidend ist also die Kontextspezifität: Wiedergabe kann so möglich sein, wenn Wiedererkennen vorher nicht möglich war.



Reproduktion vs. Rekonstruktion

Reproduktion ist die exakte, wortwörtliche Wiedergabe einer Information
Erinnern ist als Prozess der Bildung von Gedächtnisspuren zu verstehen
Assoziationisten: passiver Prozeß der Aktivierung gespeicherter Infos

tritt auf
in Laborversuchen zur Behaltensleistung
in Alltagssituationen (Witze, Zitate,Gedichte, Schule)
beim wortwörtlichen Sprachlernen: Vokabeln

Rekonstruktion ist bedeutungsähnliches Wiedergeben von Infos.
Determination durch Erwartungen und Erfahrungen der Person.
Abrufen ist ein rekonstruktiver Vorgang.
Es ist ein aktiver Prozess der Rekonstruktion von Infos, bei dem häufig eigene neue Infos hinzugefügt werden

tritt auf
unter erwartungswidrigen Bedingungen, Erinnerung konfligiert mit aktueller  Erwartung
wenig Details über Originalgeschichte bekannt, aber konkrete Vorstellungen über deren Ablauf
Bilderinnerung durch Rekonstruktion im Rahmen der Erwartungen (fragmentarisches puzzlen)
Augenzeugenbericht: subjektive Rekonstruktionen



SPIRO (1980)
 
Experiment Vpn  lasen  2 unterschiedliche Versionen einer Geschichte
sie dachten, ihre Reaktion darauf würde untersucht
8 Minuten nach der Lektüre erhielten diese eine erwartungskonforme oder eine erwartungswidrige Schlußinformation über den Ausgang
Nach 2 Tagen, 3 oder 6 Wochen sollten die Vpn die Geschichten wiedergeben
Ergebnis Vpn in der erwartungswidrigen Bedingung verfälschten die Geschichte systematisch
Anpassung an die subjektiven Erwartungen
Es kam zu Hinzufügen neuer Ereignisse und Verdrehungen in Richtung auf die Erwartungen der Vpn
Vpn waren von Richtigkeit der Wiedergabe überzeugt

Andere Experimente bestätigten:
 
Bartlett (1932) Bei Widergabe einer Sage der nordamer. Indianer (durch weiße Angloamerikaner) kam es zu Auslassungen und 
Anpassung an die eigenen kulturellen Erwartungen. 
Verdrehungen zugunsten eigener Überzeugugen und Nutzung von Alltagswissen bei der Rekonstruktion
Carmichael et.al  1932 Rekonstruktion von Bildern erfolgte anhand von verbalen Bezeichnungen(Abrufreize)
Loftus & Palmer 1974 Art der Fragestellung: "Autos stießen zusammen"/"Autos krachten zusammen"
führte zu höherer Geschwindigkeitsschätzung bei "krachten"
Münsterberg 1908 26-81% falsche Augenzeugenberichte



COLLINS & QUILLIAN (1969/1972)

Das Modell des hierarchischen Netzwerks befasst sich mit Repräsentationen und Verarbeitung semantischen Wissens

1.Semantisches Wissen ist ein Netzwerk miteinander verbundener Begriffe
   Begriffe werden als Knoten verstanden
   Diese sind hierarchisch geordnet
   je höher die Inklusivität eines Begriffes, umso höher ist seine Hierarchieposition  (Tier über Vogel, da Vogel im Oberbegriff Tier enthalten)
  Jeder Knoten hat drei Beziehungstypen
    - Subbeziehungen
    - ISA-Beziehungen ( "is a" im Sinne von "ist-ein", also "für")
    - Eigenschaftsrelationen ("hat" als Relation zwischen Vogel und Flügel)

2.Kognitive Ökonomie:
besonders ökonomische Speicherungsart der Eigenschaften: jede ist nur 1x repräsentiert, und zwar auf höchstmöglichem Niveau
Da jede Eigenschaft und ihre Attribute nur 1x gespeichert werden muß, können Kapazitäten freigehalten werden
- wie bei PC-Programmen, in welche  das Modell auch implementiert wurde.

3.Semantisches Wissen wird hoch organisiert und mit internen Relationen gespeichert.
Hierdurch werden Begriffsbeziehungen erkennbar (Vögel und Tiere)
Interne Verbindungen definieren Suchwege im Gedächtnisspeicher.

4. Ebenenwechsel innerhalb der Hierarchie erfordert Zeit
je mehr Ebenen durchsucht werden, umso mehr Zeit benötigt man zur Verifikation eines Satzes.
Verifikation besteht oft aus Inferenzprozessen, also der Suche nach miteinander verbundenen Wegen
Es dauert tatsächlich länger, den Satz "Ein Kanarienvogel ist ein Tier" zu verstehen, als den Satz "Ein Kanarienvogel ist ein Vogel"
"Tier" liegt 2 Ebenen, "Vogel" jedoch nur 1 Ebene über dem Wort "Kanarienvogel"

Widersprüchliche Befunde zum Modell:

1."Bär ist ein Tier" wird schneller erkannt, als "Bär ist ein Säugetier"
Statements werden umso schneller verifiziert, je enger die Begriffsbeurteilung (Häufigkeitseffekt)
Dies ist ein Widerspruch zu Annahme 4

2. Manche Kategoerien werden schneller verifiziert, als andere, selbst, wenn beide Kategorien gleichweit vom übergeordneten Begriff
entfernt sind: "Rotkehlchen ist ein Vogel" wird schneller verifiziert, als "Ein Huhn ist ein Vogel"
Diese "Typizität" der Begriffe beeinflußt die Reaktionszeiten sehr stark. (Ein R. ist ein typischerer Vogel als ein Huhn)
Solche Typizitätseffekte werden vom Modell nicht berücksichtigt.
Grenzen des Modells werden aufgrund solch fließender semantischer Begriffsgrenzen sichtbar
Dies ist ein Widerspruch zur Annahme 1 und 4

3 .Langsame Reaktionszeiten traten ungeachtet des Abstandes in der Hierarchie auf, wenn Nomen und Eigenschaft nur schwach miteinander verknüpft waren. Dies ist ein Widerspruch zur Annahme einer hierarchischen Netzwerkstruktur und der kognitiven Ökonomie.



COLLINS & LOFTUS (1975) Modell der sich ausbreitenden Aktivierung

Struktur nach dem Prinzip der semantischen Entfernung/Relation
Begriffe werden weiter als miteinander verbunden gesehen, je kürzer die Verbindung umso enger ist die semantische Relation

Es bestehen  "ISA"-Verbindungen, die hierarchische Zuordnungen angeben.
Es werden aber auch "ISNOTA"-Verbindungen angenommen, die z.B. anzeigen, daß eine Fledermaus kein Vogel ist.
Im ursprünglichen Hierarchiemodell wurde hierfür eine relativ lange Suchzeit angenommen
Da Vpn jedoch relativ schnell zur Entscheidung kommen, wenn ein Satz falsch ist, vermutet man eine Inklusion einer
"isnota"-Verbindung, was eine schnelle Falsifikation ermöglicht.
Solches Falsifikations-Wissen wird als vorgespeichertes Wissen bezeichnet.

Annahmen über die Infoverarbeitung:

1.           a. Verbindungswege unterscheiden sich in Zugänglichkeit oder Stärke
              b. Weniger Zeitbedarf beim Durchqueren eines starken (vs. schwachen) Weges
              c.  Zugänglichkeit und Stärke hängt von der Nutzungshäufigkeit der Verbindung ab
                    - Begriffe, die häufig miteinander auftreten/aufgetreten sind, haben eine starke und damit leicht zugängliche Verbindung
2.           Verarbeitung eines Begriffes dehnt die Aktivierung auch auf benachbarte Begriffe aus.
              Dies beschreibt den Mechanismus semantischer Kontexteffekte, wie z.B. dem Lesen



MEYER & SCHVANEVELDT (1971)
 
Experiment Vorlesen einer Liste von Wörtern
Angabe, ob Wort lexikalisch richtig
Befunde semantischer Instruktionseffekt: 
Reaktionszeit ist abhängig von vorher verarbeiteten Items
"Butter" wurde schneller  klassifiziert, wenn vorher "Brot" zu bestimmen war 
(vs. wenn vorher "Pflegerin" zu bestimmen war)
Verarbeitung des vorangehenden Wortes instruiert also das kognitive System hinsichtlich 
der Verarbeitung des folgenden, semantisch verbundenen Wortes

Dies stützt das Modell der sich ausbreitenden Aktivierung, da die Aktivierung des einen Begriffes sich auch auf benachbarte Begriffe ausdehnt.
Somit konnte der "Schwellenwert" für die Aktivierung "Butter" schneller erreicht werden, wenn "Brot" voranging, als wenn der nicht benachbarte Begriff "Pflegerin" aktiviert wurde.



RIPS, SHOBEN & SMITH  Modell des Merkmalsvergleichs

Während das Netzwerkmodell (der sich ausbreitenden Aktivierung) von Wissensspeicherung in Form von Relationen ausgeht, sieht das Merkmalsmodell eine Neubildung des Wissens aus vorhandenen Informationen im Gedächtnis
Wörter werden über Merkmale repräsentiert, diese Merkmale sind semantisch definiert
Ohne solche Merkmale kann kein Begriff kategorisiert werden
Weiters bestehen charakteristische Merkmale, die aber nicht wesentlich sind

Der Vergleichsprozess soll 2-stufig sein:
 
1.Stufe Merkmalsähnlichkeit beider Nomina werden verglichen/ definierende und charakteristische Merkmale
Merkmalsähnlichkeit des "Bären" mit dem "Säugetier", und nicht Vergleich aufgrund vorhandener Beziehungen zwischen den Beziehungen
Bei hoher Merkmalsähnlichkeit erfolgt schnelle "ja"-Reaktion, je ähnlicher, umso schneller
2.Stufe bei mittlerer Merkmalsähnlichkeit werden definierende Merkmale verglichen

Typizitätseffekte sind damit erklärbar - bei unähnlichen und sehr ähnlichen  Begriffen folgt eine sehr schnelle Reaktion

Erklärung für Fehler bei der Verifizierung von Sätzen
Wird eine "Fledermaus" fälschlich aufgrund gemeinsamer Merkmale als "Vogel" klassifiziert, ist dies Ergebnis einer vorschnellen "richtig"-Reaktion der 1.Stufe



RIPS, SHOBEN & SMITH (1974) Kritik am Merkmalsvergleich

1. Unterscheidung zwischen definierenden und charakteristischen Merkmalen
Definierende Merkmale definieren manchmal nicht die Zugehörigkeit zu einer Kategorie
Welche Merkmale sind die definierenden?
Natürliche Kategorien besitzen evtl. keine definierenden Merkmale für alle oder die meisten Kategoriemitglieder

2.Divergente Forschungsergebnisse
Hypothesen über die Falsifizierungselastizität (welche Hypot. wird leichter, welche weniger leicht falsifiziert?) konnten nicht bestätigt werden.
Individuen verfügen vermutlich über eine Vielfalt von Fasifikationsstrategien, davon ist der Merkmalsvergleich nur eine

3.Obwohl bei der Verifizierung richtiger Sätze und der Falsifizierung falscher Sätze sehr wenig Fehler beobachtet werden, zeigt sich
ein deutlicher Effekt der semantischen Relation bei der Verifizierung wahrer Sätze.

4.Können Bedeutungen überhaupt mit semantischen Merkmalen angemessen beschrieben werden?
Wird zum Bedeutungsverständnis eines Begriffes ein Wort unter logischen Gesichtspunkten in Merkmalsgruppen zerlegt?



MCCOON & RATCLIFF (1980) Propositionale Repräsentation

beschreibt eine Beziehung zwischen zwei oder mehr Begriffen und kann wahr oder falsch sein
Beispiel: Hund beißt Knabe
"beißen" ist der relationale Ausdruck der Proposition, welcher die Beziehung zwischen den Argumenten "Hund" und "Knabe" festlegt

- dienen dem komplexen Wissensverständnis z.B. für Textverständnis, Konversation, Vorstellungsbildung
Dies erleichtert bei der Präsentation eines Wortes, wenn beide Wörter in der propositionalen Struktur des Textabschnittes eng verbunden sind.
 
Experiment Vpn lesen zwei zusammenhängende Texte
danach Wiedererkennungstest für bestimmte Wörter 
Hypothese: 
beim Lesen werden Propositionen und Bedeutungsstrukturen wahrgenommen
Wiedererkennen geht am schnellsten, wenn das Testwort auf ein Wort folgt, 
das mit der Bedeutungsstruktur des Textes verbunden war
Aufgrund des semantischen Instruktionseffektes müsste die Reaktionszeit sinken
Ergebnis Hypothese wurde bestätigt
Folgerung Die Stärke des Instruktionseffektes ergibt sich aus der Nähe der Wörter innerhalb der Bedeutungsstruktur
Instruktionseffekte treten schnell und automatisch auf (beim Lesen ist das günstig)


ANDERSON & BOWER (1972) HAM-Modell
HAM: Human-Associative-Memory-Modell

globales Verarbeitungsmodell auf Grundlage propositionaler Repräsentationen
Grundlegende Verarbeitungseinheit ist die Proposition.

Voraussetzung von 5 Assoziationsarten:
 
1.Assoziation Kontext und Ereignis; Ereignis beschreibt, was vorgegangen ist, Kontext definiert Zeit und Ort des Ereignisses
2:Assoziation Aufspaltung des Kontext, Verknüpfung von Ort und Zeit
3.Assoziation Subjekt und Prädikat: 
Subjekt beschreibt den Inhalt des Ereignisses, Prädikat die Eigenschaft bzw. was dem Subjekt passiert
4.Assoziation Prädikat wird in Relation und Objekt zergliedert
5.Assoziation Verbindung zwischen Begriff und Begriffsbeispiel

Alle 5 Assoziationen bilden zusammen eine baumähnliche Struktur mit Knoten und Begriffen und Pfeilen, die die Assoziationen darstellen.
Grundinhalte des HAM:
Informationen sind episodisch und semantisch vorhanden,
Assoziationen unterscheiden sich hinsichtlich deren Verknüpfung
Sätze sind hierarchisch strukturiert, was verschaltete Propositionen zuläßt (Darstellung in einem verschalteten Baum möglich)
LZG stellt ein weitläufiges Netzwerk propositionaler Bäume dar, welches in einem Gesamtbaum abgebildet werden kann
Unterscheidung von TYP und ZEICHEN . Typ ist allgemeiner Begriff, Zeichen ist ein Beispiel für eine entsprechende Kategorie
    - dadurch wird Wissen um allgemeine Begriffe auf Beispiele des jeweiligen Begriffes anwendbar und umgekehrte Generalisierungen auch

Unterscheidung zu den traditionellen assoziationistischen Modellen hinsichtlich differenter Art der Verknüpfungen, Repräsentation hierarchischer Satzstruktur und Unterscheidung zwischen Typen und Zeichen.
Wurde erfolgreich in den Computer implementiert und zeigt dadurch Logik und Explizität.


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