Psychologie des Lernens  Wild,E.Hofer,M & Pekrun, R. (2001)
i: A.Krapp & B.Weidenmann (Hrsg) Pädagogische Psychologie (4.Auflage) S.75-97 Weinheim:Beltz/PVU
Aus welchen Forschungsperspektiven können Fragen des Lernens und Lernerfolges untersucht werden?

Voraussetzungen für Lernprozesse beim Lernenden

  • emotional
  • motivational
  • kognitiv
  • sozial
Personenmerkmale
  • Prüfungsangst
  • Intelligenz
  • Interesse
  • Aggression etc.
Normativer Aspekt pädagogisch-psychologischer Theorien
Aufbau erwünschter Personmerkmale >> Lernvoraussetzungen
Abbau unerwünschter Personmerkmale >> Lernergebnisse/Lernziele

allgemeine  vs. differentielle Forschungsperspektive
gemeinsame Merkmale aller Lerner  <> individuelle Merkmale eines Lerners (bzw. kleinerer Gruppe)

Lernen
Fremdsteuerung  +  Selbststeuerung
 Interne Lernsteuerung
Habituelle
Lernermerkmale



Emotionale



Motivationale



Kognitive





Vorwärtsgerichtete
Emotionen
(Vorfreude)

Motivation
Volition
(Lernabsicht)

Metakognition
(Lernplanung)




Gegenwartsorientiert
(Langeweile)


Motivation
Volition
(Abschrimung von
Lernabsicht)

Metakognitiv
Lernregulation

Kognition
(Elaboration)





Rückwärts- &
vorwärtsgerichtete
Emotion
(Ärger, Zuversicht)

Motivation
Volition
(Steigerung der
Leistungsmotivation)


Metakognitiv
Bewertung)
Lernprozesse:         Planung                 Durchführung               Bewertung

>>>Lernprodukte
deklaratives
prozedurales
Wissen
kognitiv
repräsentierte
Einstellungen

      /\
Umwelt  ->
Schule
Familie
Peers
Medien


                                             |                               |                                  |
variierende und überdauernde, materielle + personelle Merkmale der unmittelbaren Situation und Lernumgebung
(Charakteristika der Aufgabenstellung und des Fachs)

instruktionelle Vorgaben,  Merkmale der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen

externe Lernsteuerung


Habituelle Lernvoraussetzungen
emotionale + motivationale + kognitive + soziale


In welcher Weise können sich Gefühle und Stimmungen auf den Lernprozess und das Lernergebnis auswirken?


Emotionale Bedingungen des Lernens

Emotion
situativer und momentaner Zustand =  state (Ärger)
oder
dispositionelle Reaktionstendez = trait  (Ängstlichkeit)
5 Komponenten von Emotionen
  • 1. affektiv             (Anspannung)
  • 2. kognitiv            (Sorgen, Selbstbewertung)
  • 3. expressiv          (Gesichtsausdruck)
  • 4. physiologisch    (Herzklopfen, Schweißausbruch)
  • 5. motivational      (Fluchtmotivation)
Klassifikation lernrelevanter Emotionen
Valenz
positiv vs. negativ
Spaß, Wut
zeitlicher Bezug
vergangenheitsbezogene
 vs. Gegenwart
vs. Zukunft
Freude über gute Note
Langeweile/Spannung
Angst vor Prüfung
Art der
Energetisierung
aktivierend
desaktivierend
Angst, Ärger, Hoffnung, Vorfreude
Langeweile,  Resignation, Entspannung, Zufriedenheit

Aufmerksamkeitshypothese (Wine 1971): Prüfungsangst zieht Aufmerksamkeit von der Lernaufgabe ab
Denkstile:  
postive Stimmung :  holistisch + kreativ  >>>>  unbeschwert, sicher, "risikofreudiger"
negative Stimmung:  analytisch, detailfokussiert  >> sicherheitsorientiert, einfache Wege
Transaktionales Stressmodell (Lazarus & Folkman, 1984)
bei Wahrnehmung einer stressrelevanten Situation
Schritt 1: primary appraisal = Einschätzung der Bedrohlichkeit
Schritt 2: secondary appraisal = Bewertung der Bewältigungsmöglichkeiten prüfen (Selbstkonzept, soziales Netz)

Welche Phasen werden in Modellen selbstgesteuerten Lernens unterschieden und mit welchen Anforderungen sehen sich Lerner jeweils konfrontiert?

Erwartung-mal-Wert-Modell
(Pekrun 1992)
Angstentstehung durch
1. Erwartung, daß Mißerfolg, wenn keine Handlung
2. Einschätzung der subjektiven Bedeutung des Mißerfolges
3. Einschätzung möglicher Handlungskontrollen zur Vermeidung des Mißerfolges
4. Einschätzung der Handlungs-Folgen und derer Effektivität (Mißerfolgsvermeidung)
Lernmotivation
Motivation - konkrete Auseinandersetzung (aktuell)
Motiv - überdauernde Bereitschaft (dispositionell, habituell)
Rubikon-Modell (Heckhausen 1989)
Intentionsbildung
I-initiierung
I-Realisierung
I-deaktivierung
Prädezisional
präaktional
aktional
postaktional
Wählen
Planen
Handeln
Bewerten
Zwischen  Wählen/Planen liegt der "Rubikon"


Welche Formen der Lernmotivation werden in der pädagogischen Motivationsforschung unterschieden und inwiefern sind diese für den Lernerfolg bedeutsam?

Lernmotivationsarten

Leistungsmotivation              Hoffnung auf Erfolg   vs. Furcht vor Mißerfolg

Interesse                              positive, wertschätzende Beziehung zum Lerngegenstand

Intrinsisch                             Lernen aus Spaß

Extrinsisch                            Maximierung positiver   vs. Minimierung negativer Handlungsfolgen (Lob, Strafe)

Lern-/Aufgabenorientierung   Steigerung eigener Fähigkeiten

Performanzorientierung          Vorsprung vor anderen

soziale                                   Bewertung der eigenen Leistung durch Dritte

Was sind die zentralen Komponenten des handlungstheoretischen Modells der (Leistungs-)Motivation und welche Rolle kommt Selbstkonzept und Attributionsstil von Lernern für die Motivationsgenese zu?

Leistungsorientierung >>> extrinsisch motiviert
Lernorientierung   >>> intrinsisch

Anreize

instrumentell      >> Folgen der Handlung

intrinsische Handlungsvalenz (Pekrun 1988)  bzw. Vollzugsanreize (Rheinberg,1989)

...weil die Handlung an sich Spaß macht=intrinsische Motivation
Kausalattributionen /Taxonomie des Selbstkonzeptes

inter
nal
exte
rnal

stabil
variabel
stabil
variabel
kontrollierbar
Wissen
Anstrengung
Lernumgebung
Aufgabenwahl

nicht kontrollierbar

Begabung

Krankheit

Schwieriges Fach

Zufall

Kontextuelle Bedingungen der Leistungsmotivation
Familie
selten direkte oder lineare Effekte der Familienmerkmale
eher Wechselwirkungen (Selbststaändigkeit, Leistungsdruck)
nicht-linearer Effekt: geringe Hilfe ==> geringere Mißerfolgsangst, größere Erfolgshoffnung
Positiv wirkt stimulierende Umwelt mit vielen sozialen Kontakten und nicht zu harte Sanktionen bei Mißerfolg

Schule
bei Eiinschulung hohe Selbsterwartung
wiederholte Mißerfolgserfahrungen wirken dann demotivierend

Bezugsgruppen (Peers)
definiert durch Leistungsfähigkeit der Gruppe
Bezugsgruppeneffekte durch externe Benotung auf Selbstbewertung

Motivationale Theorie der Selbstbestimmung

  • extrinsische Handlungsregulation
    •  nur aktiv, wenn extern erzwungen (Kontrolle)
  • Introjektion
    • wenn externe Handlungszwänge internalisiert wurden (Schuldgefühle, Pflicht)
  • Identifikation
    • Arbeit ist zu Bestandteil des Selbstkonzeptes geworden
  • Integration
    • Leistungswille Bestandteil der eigenen Identität
Handeln hat auf allen 4 Stufen instrumentelle Funktion
3 grundlegenede psychologische Bedürfnisse
  • autonom
  • kompetent
  • sozial eingebunden
bei einem Mangel eines oder mehrere Bedürfnisse entstehen Frustration, bis hin zu psychischen Störungen
Deci & Ryan u.a. zeigen:
höhere Lernmotivation bei  eigener Verursachung, Akzeptanz der Bezugspersonen, erkennbarer Lernfortschritt

niedrige Handlungsregulation bei zunehmender Kontrolle und mangelnder Mitbestimmung

Stage-Environment-Fit-Theorie
(Eccles & Coll. 1989)
Absinken intrinsischer Lernmotivation
Mangelhafte Passung zwischen Bedürfnissen der Schüler und Kontextbedingungen der Schule über die Zeit
Reduzierung der Lehrer-Zuwendung in höheren Stufen
Verschärfung von Anspruchsniveau und Notenvergabepraxis
wird als ungerecht erlebt und führt zu Verunsicherung im Selbsterleben und des Selbstkonzeptes
führt zu sinkender Lernmotivation
in höheren Klassen stärkere Lehrerdomination und -zentrierung
Widerspruch zum Autonomiestreben der Schüler
Förderkonzepte zur Intervention bzgl. Lernmotivation
Motivationsförderung
  • mit Schülern
    • Zielgruppe misserfolgsmotiviert und leistungsschwach, aber nicht minderbegabt
    • positive Veränderungen der Zielsetzungs-  und Selbstbekräftigungsverhalten
    • aber keine Verbesserung der Schulleistungen
  • durch Lehrertrainings
    • kognitives Training
      • Schulungen, theoretische Erörterung
    • verhaltensbezogenes Training
      • zusätzlich Fallbeispiele, Rollenspiele
    • Origin-Gruppe
      • selbstbestimmt, Ansprechpartner vorhanden
Bes. in Origin Gruppe deutliche Erhöhung der unterstützenden Lehrerreaktionen, Zunahme des "Lobens", stärkste Abnahme der Prüfungsangst (vor allem bei leistungsschwächeren Schülern)
  • durch Organisationsentwicklung in Schulen
    • doppelte Zielsetzung:
      • Funktionsfähigkeit der Organisation verbessern
      • Lebensqualität der Individuen erhöhen
    • Arbeit im statt am System
      • Bedürfnisse der Beteiligten sind Ausgangspunkt für Ziele und Maßnahmen
    • Beratung als rationales Handeln
      • sukzessives Abarbeiten der Handlungsschritte
      • Handlungsalternativen bedenken
      • Reflektion bzgl. Aus- und Nebenwirkungen

Inwieweit können schulische und berufliche Erfolge mithilfe von Intelligenzmessungen vorhergesagt werden?


Kognitive Bedingungen des Lernens
Intelligenz
relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal
nach Wechsler (1975) ist I:
zusammengesetzte Fähigkeit des Individuums, zweckvoll zu handeln, vernünftig zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinander zu setzen.
Begabung
keine genetische Determinierung
verwendet im Fall der "Hochbegabung"
>> wer in mehreren Intelligenztests einen bestimmten Punktwert erzielt (meist >130)
Cattell (1971) unterscheidet zwischen fluider und kristalliner Intelligenz als Teile eines Intelligenzfaktors "g"
Jäger (1984) - Rautenmodell ==> Berliner Intelligenzstrukturmodell
Intelligenzleistungen sind mehrmodal beschreibbar
Inhalt- und Operationsmodalität
  • Komponenten sind
    • verbal
    • numerisch
    • figural-bildhaft
  • Inhalte sind
    • Bearbeitungsgeschwindigkeit
    • Merkfähigkeit
    • Einfallsreichtun
    • Verarbeitungskapazität
Gemeinsam ergibt sich (als Spitze der Raute) die Allgemeine Intelligenz (AI)

Allgemeine Intelligenz ist ein guter Prädiktor für beruflichen Erfolg und berufsspezifisches Wissen

Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Intelligenz eines Lerners und seinem bereichsspezifischen Vorwissen und seiner Problemlösefähigkeit kennzeichnen?


Dörner : Lohhausen Experiment
Rollenspiel/computeranimiert: Bürgermeister von Lohhausen
Lösung alltagsnaher Probleme nicht intelligenzabhängig
neuere Ergebnisse: Heuristiken UND Intelligenz zur Lösung komplexer Probleme notwendig
Intelligenz ==>> wichtiger Prädiktor für Lernleistungspotential

Einfluß des Elternhauses
auf die Intelligenzentwicklung
Meyer-Probst et.al.(1991) Rostocker Längsschnittstudie
interindividuelle Unterschiede blieben über die Zeit konstant
entwicklungshemmende organische Risken sanken mit dem Alter (wenn günstiges psychosoziales Milieu)
Effekte psychosozialer Risiken nahmen zu!

Wie kann geprüft werden, ob man durch Schulbesuch intelligenter wird?

Schulische Faktoren

im Verlauf eines Schuljahres nimmt Intelligenzleistung zu
stagniert bzw. nimmt ab  in den Sommerferien
positive Veränderungen in Abhängigkeit von Qualität und Dauer der Beschulung
Ausnahme: in Lernbehindertenschulen Abnahme des IQ


Welche Lernstrtategien können unterschieden werden, und von welchen Bedingungen hängt der Lernstrategieeinsatz ab?



Lernstrategien
mental repräsentierte Schemata oder Handlungspläne zur Steuerung des eigenen Lernverhaltens
Lernstile
überdauernde Tendenz der Verwendung oder Meidung bestimmter Lerntechniken
LIST - Fragebogen zur Erfassung von Lernstrategien im Studium

3 Klassen von Lernstrategien
  1.  Informationsverarbeitungsstrategien
  2.  Kontrollstrategien
  3.  Stützstrategien
Informationsstrategien  (auch: kognitive Lernstrategien, Primärstrategie)
dienen der unmittelbaren Informationsaufnahme, -verarbeitung und Soeicherung
  • Organisation
    • Reduzierung auf das Wesentliche
  • Elaboration
    • Integration neuen Wissens in bestehende Strukturen
  • Herstellen von Querverbindungen
    • Kritisches Prüfen
    • Analyse von Aussagen
  • Wiederholung
  • Repetieren zwecks fester Verankerung
Kontrollstrategien (metakognitive Lernstrategie, Primärstrategie)
  • Planungskomponente
    • inhaltliche Vorbereitung,
  • Überwachungskomponente
    • Soll-Ist-Vergleich
  • Regulierungskomponente
    • Verhaltensänderung bei Selbstdiagnose von Schwierigkeiten
Stützstrategien (ressourcenbezogene Strategie, Sekundärstrategie)
  • Anstrengung
    • Anstrengungsbereitschaft definieren und steuern
  • Aufmerksamkeit
    • Steuerung/Unterbindung/Ignorieren von Abloenkunsreizen
  • Zeitmanagement
    • Planung und Kontrolle des Zeitaufwandes, Beginn, Ende
  • Lernumgebungsgestaltung
    • Arbeitsplatz optimal einrichten
  • Zusätzliche Informationsquellen
    • selbstständige Zusatzunterlagen heranziehen
  • Kooperatives Lernen
    • gemeinsames Arbeiten und Informationsdaustausch, Abfragen

Genese von Lernstrategien
vom Speziellen zum Allgemeinen
vom Wissen zur Anwendung
vom Einfachen zum Komplexen
Wie sehen Trainings zur Fördeurng von Denk- und Gedächstnisleistungen aus und welche Effekte haben sie?

Förderung kognitiver Fähigkeiten / induktiver Intelligenz


Klauer´sches Training (Klauer 1989)
Denktraining
Aufgabetypen sind
  1. Generalisierung
  2. Diskriminierung
  3. Systembildung
  4. Kreuzklassifikation
  5. Beziehungserfassung
  6. Beziehungsunterscheidung

Wie lässt sich erklären, daß sozial auffällige Schüler häufig auch mit schulischen Leistungsproblemen zu kämpfen haben?

Soziale Kompetenz

  • Perspektivenübernahme
  • Empathie
  • Mitgefühl
  • Emotionsregulation
  • Angemessenheit der Reaktion
  • soziale Intelligenz
  • Impulskontrolle
Welche Merkmale der Familie beeinflussen die sozial-kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?
Welchen Beitrag kann die Schule zur Gewaltprävention leisten?